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Der
Gleichgültige
Franz Wurscht ist an Vorgängen außerhalb seiner selbst und seiner
nächsten Umgebung nur sehr begrenzt interessiert. Seinen natürlichen
Lebensraum, die verrauchten, nach Gulasch, Schnitzelfett und Bier
stinkenden Wiener Wirtshäuser gibt es schon lange nicht mehr. Deshalb
ist Franz gezwungen seinen Charakter anderswo zu leben. Es ist ihm
grundsätzlich egal, welchen Stromzähler er daheim hat oder eingebaut
bekommt. Wann der Strom günstig oder teuer ist, auch. Es kostet, was es
kostet und sicher nicht seine Nerven.
Aber Gelegenheiten unterbezahlten Kundenberatern auf die Nerven zu
gehen, lässt er sich nie entgehen. Diese hören ihm geduldig zu. Sie
kennen ihn besser als seine Frau. Seine Frau hat ja auch keine Software
zum Beziehungsmanagement.
Die eingangs erwähnte Interesselosigkeit trägt er natürlich nicht auf
einem großen Schild vor sich her, sondern sie versteckt sich tückisch
hinter intelligentem Kombinieren von aufgeschnappten Informationsstücken
und brachialer Rhetorik. Ohne Computerunterstützung würde der Kontakt
mit Franz selbst erfahrene Kundenberater ins Burnout treiben. Aber die
Computersysteme erkennen allein an der Stimmlage mit welchem „Typen“ sie
es zu tun haben und zeigen dem Kundenberater alle nötigen Informationen
und psychologischen Tipps zur Steuerung des Gesprächs an.
Die Benutzeroberflächen moderner CRM-Systeme sind mit dem Cockpit eines
Flugzeugs vergleichbar. Kundenberatung kann durchaus mit Fliegen im
Nebel verglichen werden. Der Einsatz von Expertensystemen für beinahe
alles ist unerlässlich. Das ermöglicht auch ständig wechselnden Beratern
oder sogar Anfängern, als Freund des Kunden absolut professionell zu
agieren. Dabei sind es in erster Linie gar nicht die detaillierten
Aufzeichnungen zu Herrn Wurscht, sondern es ist die Lernfähigkeit und
eigenständige Weiterentwicklung der Systeme durch Kontakt mit „Typen“
wie Herrn Wurscht. Beispielsweise erkennen Versicherungsunternehmen beim
ersten telefonischen Kontakt mit einem Kunden, den Wahrheitsgehalt der
Schadensgeschichte mit Hilfe einer simplen Stimmanalyse.
Aber nun zurück zu Herrn Wurscht. Der Kundenberater, dem Herr Wurscht
die Ohren voll gequasselt hat, freut sich schon auf eine tolle
Provision. Nachdem zum Schutz der Gesundheit großflächig
RaucherInnenverbotszonen erlassen wurden, haben smarte Geschäftsleute in
private RaucherInnengettos investiert. Der Kundenberater konnte Herrn
Wurscht ein Umzugsangebot schmackhaft machen. Jetzt muss Franz nur noch
seine Frau überzeugen. Der smarte Kundenberater kann sein erwartetes
Extrageld durch Cross-Selling aber schon ruhig ausgeben. Sein
Informationsvorsprung lässt ihn keine Sekunde am Abschluss zweifeln. |
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